Was ist Finanzberatung? Wie kommen wir von Geldthemen beim Kaffeeklatsch zu konkreten Ergebnissen? Hier zeigt sich, wie guter Finanzrat buchstäblich entsteht. Dem Menschen zuhören. Dir als Sparer. Deine Sparziele sammeln, nach Fristen sortieren, Anlageklassen bündeln und budgetieren. Das klingt kompliziert, ist aber einfach, wenn man betrachtet, wie aus den viel zitierten Wünschen und Bedürfnissen des Menschen ein Plan wird. Dein Finanzplan braucht außerdem: Zeit.

Was ist Finanzberatung? Jeder, der beruflich mit Geld hantiert, spricht davon. Kaum ein Finanzmensch erklärt, fast keiner demonstriert es sichtbar und nachvollziehbar, wie guter Finanzrat aussieht. Wir zeigen Euch hier, wie finanzieller Rat entsteht. Schrittweise. Anhand einer Musterfamilie. Starten wir die Tour beim „finanzlosen“ Kaffeeklatsch. Um es anschließend über das erlebte Zahlen-und-Wünsche-Chaos, das der wirkliche Finanzberater täglich erlebt, endlich zum Finanzplan zu schaffen. Schwarz auf weiß.

Phase 1: Der Kaffeeklatsch liefert die Indizien

Beste Freunde wissen über die Geheimnisse des besten Freundes Bescheid. Nur nicht über dessen Kohle. Die Deutschen sprechen nicht über Geld. Aber – wenn wir genau zuhören – erzählen die Leute viel, sei es am Stammtisch oder beim Kaffeeklatsch. Habt ihr bei Geldthemen mal zugehört, was die Freunde und Kollegen so erzählen? Wir spielen mal Mäuschen bei Leuten, die über Geld sprechen. Und wir machen uns ein “Gedächtnisprotokoll”, das wir für Euch der einfachen Lesbarkeit halber als Liste aufstellen. Unsere Beispielfamilie erzählt beim Kaffeeklatsch oder am Stammtisch:

  1. Wir zahlen noch gut 20 Jahre für das Haus ab. Dann geht mein Mann in Rente.
  2. In fünf Jahren brauchen wir dringend eine neue Küche.
  3. Dann wollen wir auch das Nachbargrundstück dazu kaufen (für die Kinder/Enkel).
  4. In zehn Jahren muss das Dach neu gemacht werden.
  5. Später gehen die Kinder studieren. Da müssen wir Geld zurücklegen.
  6. Für die Rente müssen wir ja auch noch sparen.

Was wissen wir bisher? Nix. Außer: Kinder, Haus und Grund sowie die Rente sind teuer.
Was wissen wir ebenfalls nicht? Wie viel Geld diese Familie braucht und ob sie dafür ausreichend spart.

Phase 2: Genauere Zahlen

Mehr als die Kaffeeklatsch-Zahlen erfährt der Zuhörer selten. Das liegt übrigens auch daran, dass bei Finanzthemen eher selten konkreter von Nachbarn oder dem Vereinskollegen nachgefragt wird. Allenfalls wird mitgestöhnt: „Jaaaa, Kinder … das Leben ist teuer!“
Der Finanzberater mit dem Vertrauen des Kunden erfährt, wenn’s gut läuft, mehr. Füllen wir einmal ein paar Lücken in der Liste (fettgedruckt) aus, nachdem der Kunde genauer befragt wurde.

    1. Wir zahlen noch 23 Jahre für das Haus ab. Dann geht mein Mann in Rente (mit 67, im Jahr 2040). Bankrate: 1.430 Euro im Monat
    2. In fünf Jahren (im Jahr 2023) brauchen wir die neue Küche. Sie soll 20.000 Euro kosten
    3. Dann (ebenfalls 2023) wollen wir auch das Nachbargrundstück dazukaufen (für die Kinder/Enkel). Kosten geplant: 40.000 Euro
    4. In zehn Jahren (2028) muss das Dach neu gemacht werden: 30.000 Euro
    5. In gut zehn Jahren (exakt 13 Jahre) gehen die Kinder (Zwillinge, heute sieben Jahre alt) studieren. Da müssen wir für sparen. Unten ein Exkurs. Hier bereits die Zahlen: gebraucht werden 80.000 Euro per 2030.
    6. Für die Rente müssen wir auch sparen, bis 2040.

Kleine Anmerkungen zur Liste

Zu 5.:
— Exkurs Anfang —
Wie viel kostet es, wenn zwei Kinder studieren? Für eine „Studenten-Rente“ von knapp 900 Euro sind 40.000 Euro fällig, die planmäßig acht Semester oder vier Jahre lang fließt und dann endet. Unsere Musterkinder sind Zwillinge, heute sieben Jahre jung, die in 13 Jahren studieren: zwei Kinder x 40.000 = 80.000 Euro Studienkapital.
— Exkurs Ende —

Zu 6.:
— Exkurs Anfang —
Rentenlücke berechnen: Der Mann verdient 6.200 Euro brutto und kann laut Rentenprognose mit 2.000 Euro Monatsrente rechnen. Heute verdient er 4.000 Euro netto (St.-Kl. III), braucht also 2.000 Euro Privatrente. Die Frau: 2.900 Euro (brutto), 1.500 Euro netto (St-Kl. V), Planrente der Gesetzlichen: 1.100 Euro.
Heute haben die Eheleute 5.500 Euro Nettoeinkommen. Als Rentner (noch ohne Steuern und Krankenkasse gerechnet) 3.300 Euro. Also fehlen rund 2.000 Euro Renteneinkommen. Die Eheleute sparen über eine Privatrente Geld an. Ziel: 800.000 Euro Kapital oder knapp 2.100 Euro Monatsrente ab 67 (Rentenfaktor 26 Euro/10.000 Euro Kapital).
— Exkurs Ende —

Bis hierher haben wir den Wunschzettel der Familie aufgeschrieben. Aus dem Text machen wir nun im ersten Schritt eine Liste mit Zahlen und Summen.

Phase 3: Die Liste der Leiden

So! Nun haben die Eheleute ihren Bedarf konkretisiert, was und wie viel Geld sie wann für Haus, Hof, Kinder und Rente brauchen. Das notiert der Laie, wenn alles eingerechnet ist, dann so (nicht vergessen die Notreserve von drei Nettogehältern):

Fällig Zweck
2018 Notreserve 16.000 Euro, gerundet (drei Nettogehälter à 5.500)
2023 Küche (neu) 20.000 Euro
2023 Grundstück 40.000 Euro
2028 Haus (Dach neu) 30.000 Euro
2030 Kinder studieren 80.000 Euro
2040 Zusatz-Rente 800.000 Euro (minus Rückkaufswert Versicherung 150.000 = Rest 550.000 Euro)
Summe 970.000 Euro

Knapp eine Million braucht diese Familie! Den Löwenanteil macht die Zusatzrente aus. Getreu dem typischen Beratungsablauf zeigt erst anschließend ein näherer Blick in die private Rentenpolice des Kunden, dass 150.000 Euro bei der Versicherung schon angespart sind. Es fehlen also “nur” noch rund 550.000 Euro. Aber das hat noch (sparratenweise) Zeit bis 2040. Vorher kommen die neue Küche, das Dach und das Studium der Kinder dran. Außerdem ist die Liste oben noch unübersichtlich, nichtssagend.

Was kostet das alles?

Phase 4: Soll und Haben, Schulden und Sparen mit sichtbarer Struktur

Die erstellte Liste der Leiden ist noch unvollendet, denn sie ist:

  1. noch nicht nach Fälligkeiten sortiert und
  2. noch nicht nach Anlageklassen/Zinserwartungen geordnet.

Das machen wir jetzt, vor allem optisch. Das hilft dem Kunden. Und dem Berater auch! Übersichtlicher ist es so: Kurz-, mittel- und langfristige Sparziele sind sortiert. Je nach Spar-Zeitraum sind den erforderlichen Geldanlagen typische Anlageprodukte zu typischen Zins- oder Renditeerwartungen zugeordnet:

  • Fälligkeiten
  • Fristen
  • Zinserwartungen
  • Sparaufwand

Der Finanzplan:

Fällig Zweck Bis 1 j. bis 5 J. bis 15 J. ‹ 15 J.
2018 Notreserve 16.000 Euro
(drei Nettogehälter à 5.500, gerundet)
16.000 Euro
2023 Küche (neu) 20.000 Euro 20.000 Euro
2023 Grundstück 40.000 Euro 40.000 Euro
2028 Haus (Dach neu) 30.000 Euro 30.000 Euro
2030 Kinder studieren 80.000 Euro 80.000 Euro
2040 Zusatz-Rente (Rest) 550.000 Euro 550.000 Euro
Summen 16.000 Euro 60.000 Euro 110.000 Euro 550.000 Euro
(ausgenommener Zins) 0% Zins 2% Zins 3% Zins 5,5% “Zins”
(Aktien)
Sparraten (Monat) entsprechend Zins: keine (Geld vorhanden) 950 Euro 580 Euro 500 Euro

Für die Höhe der Sparraten gemäß dem erwarteten (Zinses-)Zins/Fondsrendite x Jahre gelten diese Annahmen:

  • Für einen Sparzeitraum bis zu einem Jahr werden gar keine Zinsen zugrunde gelegt.
  • Für einen Zeitraum bis fünf Jahre zwei Prozent Zins für Festgelder oder ähnliches.
  • Bis 15 Jahre werden drei Prozent “Zins” als Rendite eines Mischfonds angenommen.
  • Ab 15 Jahren Anlagedauer werden 5,5 Prozent Aktienrendite unterstellt.

(Noch) Nicht eingerechnet haben wir den Hauskredit, weil der zurzeit zwar mit 300.000 Euro Restschuld valutiert, aber die Familie jeden Monat 1.430 Euro bei der Bank abstottert. Das Haus ist also perspektivisch abgezahlt – exakt, wenn der Mann mit 67 in Rente geht. Hier kommt, wenn der Finanzplan in der ersten Version steht, in Variante zwei zur Sprache mit dem Kunden, ob und wie der Haushalt seine Hypothek schneller ablösen kann.

Phase 5: Der Haushaltsplan

Auch das Folgende erfährt der Finanzberater von seinem Kunden erst nach und nach. Vor allem meistens erst nachdem die Leute ihre Wünsche und Ziele erzählt haben. Küchenpsychologie? Die finanzielle Unklarheit, diese Sorgen, ob das Geld reicht, die Kinder studieren können … diese Themen sind den Leuten wichtig und für sie oft vorrangig! Wir werden nun vollständig informiert. Das sind die finanziellen Rahmendaten des Haushaltes der Familie. Sie öffnet ihren Geldordner, “das Sparbüchle” und die Gehaltszettel:

Der Mann ist 44 Jahre alt, die Frau 41 Jahre. Und die beiden Kinder sind sieben Jahre alte (Zwillinge). Der Mann bekommt 72.000 Euro brutto, monatlich 6.200 brutto, 4.000 Euro netto. Er kann mit 2.000 Euro GRV-Rente rechnen. Frau: 34.800 Euro brutto, monatlich 2.900 brutto, 1.500 Euro netto und erwartet später 1.100 Euro Rente.

Nun machen wir den Haushaltsplan. Grundlage sind: das Einkommen der Eheleute und der Finanzplan. Dieser mit den Aufwänden für die heutigen und die geplanten Ausgaben der Familie.

Haushaltsplan:

Haushalt (monatlich):  Euro  Euro
Einnahmen: 4.000
+ Mann: 4.000 Euro (netto) 4.000
+ Frau 1.500 Euro (netto) 1.500
+ Kindergeld (2 Kinder) 388 Euro 388
Summe: 5.888
Ausgaben/Kredit-/Sparraten
– Hausrate (Bank), Zins/Tilgung 1.430
– Nebenkosten Haus 200
– Essen/Kleidung 1.500
– Versicherungen 200
– Auto 200
– Private Zusatzrente (Sparrate bis 67, 23 Jahre), Aktienfonds
(Ziel: 800.000, 150.000 Euro vorhanden, Rest 550.000 Euro, Sparrate bis 2040)
500
– Küche + Grundstück = 60.000 Euro, 2 Prozent Zins, 5 j. Festgeld, 950
– Haus (Dach) + Kinder-Studium = 110.000, 13 J Mischfonds: 3% Rendite 580
Summe: 5.560
Saldo: + 328 Überschuss

Erstes Ergebnis: Hier besteht ein Überschuss von mehr als 300 Euro pro Monat. Aber dazu ergeben sich Fragen. Neben der möglichst früheren Entschuldung der Immobilie (zurzeit stottert die Familie planmäßig bis Alter 67 des Mannes die Hütte bei der Bank ab). Auch offen: Ob die Eheleute Steuervorteile oder Zulagen des Staates nutzen. Denn dazu ist parallel zu rechnen, ob und wie sich die Steuern im Alter erhöhen und welcher Rat dazu unterm Strich der bessere ist.

Die Beratung braucht einen Fahrplan

Bei Familien mit knapper Kasse, oder die mehr Geld ausgeben als sie einnehmen (wodurch etwa der Dispokredit kontinuierlich – aber nicht unbegrenzt – steigt) ist statt über Sparen über das Einsparen von Kosten von Konsum zu sprechen. Auch, ob geplante Anschaffungen bezahlbar sind oder ob das Studium der Kinder überhaupt unterstützt wird. Damit die Eltern nicht vorher unterwegs verhungern. Merkt Ihr was? Echte Finanzberatung fängt mit dem Finanzplan erst richtig an.

Ein Finanzplan braucht Zeit

Erst jetzt wird der Finanzrat – und die Leistung des Beraters – für diese Familie sichtbar! Und für die meisten Menschen erstmals. Auch für manchen Geldmenschen, der mit Penunze sein Geld verdient (Banker zum Beispiel). Denn bis hierher haben wir uns vielleicht drei bis vier Stunden konzentriert mit der Familie, deren Geld, finanziellen Wünschen und Plänen beschäftigt. Und bislang noch keine einzige Sekunde mit Finanz-Produkten ver(sch)wendet! Noch nicht.

Einzelne Produkte werden interessant, wenn der Rechner im Finanzplan in die sortierten Budgets schaut, die in einem, in fünf, in 15 oder mehr Jahren ihr jeweils vorgesehenes Kapital abwerfen sollen. Dann stehen hinter diesen “Finanzbündeln” oft mehrere vorhandene Finanzprodukte, wenn man in den Geldordner des Menschen schaut. Aber selbst das hilft dem Bürger oft noch gar nicht weiter. Zum Beispiel gibt es vielleicht einen Bausparvertrag mit einem bestehenden Guthaben von sagen wir 10.000 Euro. Aber wofür das Geld buchstäblich regelgerecht und ebenso buchstäblich reserviert werden soll…? Darüber sind sich die meisten Menschen im Unklaren.

Und erst jetzt “fasst” der Finanzberater die verschiedenen Produkte an. Zum Beispiel der quasi Null-Zins-Bausparvertrag darf bleiben, was er ist. Ein Bargeldspeicher. Denn null Zins passt zum kurzfristigen Sparen, also etwa als Finanzquelle für die Notreserve von drei Monatsgehältern. Hier geht es rein um Liquidität heute, jetzt und sofort. Falls der Kühlschrank, gleichzeitig mit der Kupplung im Auto den Geist aufgeben. Aber auf Rechnungen, vor allem nicht auf hohe, die in zwei oder drei Jahren fällig werden, spart man nicht mit Aktien, deren Wert auch mal um 20 Prozent pro Jahr fallen kann.

Titelbild: ©Photocreo Bednarek

Ihr Ansprechpartner: Markus Rieksmeier

Versicherungskaufmann/-fachwirt, Fachbuchautor und Wirtschaftsjournalist.

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